Herbstakademie 2012

Aufklärung, lebendiges Denken und Spiritualität

Das Denken wird in spirituellen Kreisen oft kritisch gesehen – begrenzt auf den „mind“ oder den Verstand gilt es vielen als Medium der Trennung. Denken ist jedoch – als Basis für Verständigung, Austausch und Weiterentwicklung – immer auch wesentlicher Bestandteil einer aufgeklärten und reflektierten Spiritualität. Auf der diesjährigen Herbstakademie soll in vielfältigen Impulsbeiträgen und Dialog-Foren erforscht werden, welcher Zugang zu Verbundenheit und All-Einheit im Denken verborgen liegt und ob hier eine bisher übersehene Quelle spiritueller Erfahrung freigelegt werden kann.

Programm 2012

Freitag, 19. Oktober 2012
Ab 15.00 Uhr: Ankommen und Registrierung, Begrüßungskaffee

16.00 Uhr: Begrüßung und Einführung ins Tagungsthema durch die Veranstalter Dr. Jens Heisterkamp, Sonja Student, Dr. Tom Steininger

17.30 Uhr: Terry Patten per skype

18.00 Uhr: Abendessen

19.30 Uhr: Denken und Menschlichkeit / Prof. Katharina Ceming und Sonja Student

20.15 Uhr: Evolutions-Café

21.15 Uhr: Integrationsrunde und künstlerischer Beitrag

22.15 Uhr: Nachtkino

 
Samstag, 20. Oktober 2012
 

8.30 Uhr: Meditation

9.15 Uhr: Konditionierung und Freiheit – Krishnamurti und Steiner / Cordula Mears-Frei und Dr. Jens Heisterkamp

10.00 Uhr: Evolutions-Café

11.00 Uhr: Kaffeepause

11.30 Uhr: Integrationsrunde und künstlerischer Beitrag

12.30 Uhr: Mittagspause

14.30 Uhr: Kaffeetafel

15.00 Uhr: Foren
• Denken und Welt-schöpfen: Christian Grauer und Sebastian Gronbach
• Die Erwärmung des Intellekts: Martin Spura und Adrian Wagner
• Frau denkt: Hilde Weckmann und Katrin Karneth
• Die Sprengkraft des künstlerischen Denkens: Axel Malik und Matthias Ruff

16.00 Uhr: Evolutions-Café*

17.00 Uhr: Integrationsrunde und künstlerischer Beitrag

18.00 Uhr: Abendpause

19.30 Uhr: Wenn das Leben denkt. / Anna-Katharina Dehmelt und Dr. Tom Steininger

20.15 Uhr: Evolutions-Café

21.15 Uhr: Integrationsrunde und künstlerischer Beitrag

21.45 Uhr: Abendprogramm

 
Sonntag, 21. Oktober 2012
 

8.30 Uhr: Meditation

9.15 Uhr: Podiumsgespräch, Moderation: Dr. Nadja Rosmann

10.15 Uhr: Evolutions-Café

11.15 Uhr: Kaffeepause

11.45 Uhr: Integrationsrunde

12.45 Uhr: Gemeinsamer Abschluss

13.15 Uhr: Mittagessen und Ende der Herbstakademie

Sonja Student: Hommage an die Herbstakademie Frankfurt

Von Sonja Student

Zunächst hatte ich einen sachlichen Bericht über die diesjährige Herbstakademie im Kopf, doch beim Schreiben ist eine Hommage nicht nur an die drei wunderbaren Tage in Oberursel (19. bis 21.Oktober 2012), sondern an eine siebenjährige gemeinsame Geschichte entstanden, die aus Menschen, Institutionen, offenen Fragen, gemeinsamen Grundüberzeugungen und verschiedenen Perspektiven auf eine zeitgemäße Spiritualität des 21. Jahrhunderts besteht.

Wir, das sind drei Personen und drei Institutionen: Da ist Dr. Jens Heisterkamp, Philosoph, Chefredakteur der Zeitschrift info3 und Mitherausgeber der Zeitschrift Wir – Menschen im Wandel, fest in der anthroposophischen Tradition verankert und zugleich ein Erneuerer der Anthroposophie. Dr. Tom Steininger ist ebenfalls Philosoph und spiritueller Lehrer in der Schule von Andrew Cohen, ein Kenner der integralen Philosophie, Pionier für eine evolutionäre Spiritualität und passionierter Radiomacher mit bereits über 100 Sendungen mit Pionieren einer zeitgemäßen Spiritualität und Wissenschaft. Mich selbst würde ich in dieser Runde als Sozialaktivistin mit Spirit bezeichnen, mit großer Passion für einen nondualen Humanismus, seit Jahren aktiv in der Kinderrechte- und Demokratiebewegung und in der Leitung der Integralen Bewegung im deutschsprachigen Raum.

Zu den weiteren Kreis gehören die vielen Referentinnen und Referenten (spirituell Lehrende, Wissenschaftler, Aktivisten und Künstler), Männer und Frauen Seite an Seite sowie Alt und Jung, die die Herbstakademie seit Jahren begleiten oder neu hinzugekommen sind, sowie die Teilnehmenden, die zur Kultur der Herbstakademie beitragen. Diese Kultur könnte man als integrale und evolutionäre Dialogkultur bezeichnen, mit vielen offenen Fragen, einem gemeinsamen Grund und vielen verschiedenen Perspektiven auf die Fragen und den offenen Grund.

Meine Hommage besteht aus drei Punkten:

1. Ein Lob der Verschiedenheit in der Einheit. Ich war schon in den sozialen und politischen Bewegungen der 1970er-Jahre aktiv und weiß gut, dass eine große Vision nicht automatisch segensreich für die Menschheit sein muss. Den guten Absichten und der Hingabe an etwas Größeres müssen persönliche Reife und das bestmögliche Verständnis der Welt (als Innenwelt, Mitwelt und Außenwelt) entsprechen. Und wir sollten immer wieder bereit sein, (Selbst-)Gewissheiten in Frage zu stellen und neu zu prüfen. Das ist das Erbe der Aufklärung und der Unterschied zu unhinterfragten Dogmen. Die Tatsache, dass wir uns im Rahmen der Herbstakademie manchmal heftig, manchmal sanft unseren unterschiedlichen Gewissheiten und Verständnissen ausgesetzt haben und weiter aussetzen, ist ein mutiger Schritt.

2. Ein Lob der Nicht-Beliebigkeit und der Einheit in der Vielheit. Trotz aller verschiedener Akzentuierungen gibt es gemeinsame Grundüberzeugungen, die den Kontext der Herbstakademie auszeichnen:

• Die Anerkennung einer Spiritualität des Seins und Werdens – die Verbindung des ewigen Seins im Hier und Jetzt und die Entfaltung und Verwirklichung des Absoluten im relativen Prozess des Werdens.

• Die Anerkennung der Notwendigkeit klaren und lebendigen Denkens, um unsere Erfahrungen (inkl. der spirituellen) zu verstehen und wichtige Unterscheidungen im Leben treffen zu können – in Richtung von mehr Wahrheit, Schönheit und Gutheit für alle Menschen und fühlenden Wesen.

• Die Anerkennung der Einheit alles Seins und der verschiedenen Perspektiven, durch die das EINE sich verwirklicht, und die daraus folgende Verpflichtung, diese Einsicht mit unseren individuellen Gaben und Talenten bestmöglich auszudrücken.

3. Ein kulturschaffener Impuls durch die Versöhnung von Aufklärung und Spiritualität. Für viele Menschen hat Spiritualität den Geruch des „Gestrigen“ oder des „Anti-Intellektuellen“. Die Entscheidung zwischen Aufklärung und Spiritualität, zwischen Individualität und Einheit allen Seins, ist ein Irrweg. Wir brauchen eine Spiritualität, die die Würde des Menschen, des Individuums feiert, ohne die wahre Quelle allen Seins zu verleugnen. Individualität und Menschlichkeit jenseits der Getrenntheit, in der jedes Individuum und jede Kultur ihr Bestes zum Gelingen des Ganzen gibt und die je besondere Stärke einbringt, ohne sich als Teil zum Ganzen aufzublähen. In den suchenden Bewegungen der Herbstakademie über die sieben Jahre schimmert zart durch, was als Potenzial der Zukunft freigelegt werden und zu mehr Wahrheit, Schönheit und Gutheit für alle Menschen und fühlenden Wesen aufblühen kann.

Dank an alle, die dabei waren.

Jens Heisterkamp: Ausblick auf die kommende Herbstakademie

„Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.“ – Buddha

Das Denken wird in spirituellen Kreisen oft kritisch gesehen (begrenzt auf den “mind”, Verstand etc.) Es ist aber wesentlicher Teil einer aufgeklärten und reflektierten Spiritualität. Denkend bestimmen wir – mehr oder weniger achtsam – den überwiegenden Teil unseres Bewusstseins. Darüber hinaus zeigt eine nähere Betrachtung, dass im Denken ein zentraler Zugang zur Verbundenheit und All-Einheit liegt und dass hier eine überraschende Quelle transparenter spiritueller Erfahrung freigelegt werden kann.

Von Jens Heisterkamp

Der weitaus größte Teil unseres Lebens ist von Vorgängen des Denkens begleitet. Angefangen von längerfristigen Zielen, die wir uns vornehmen, bis hin zu kleinsten Alltags-Orientierungen (das Mittagessen um eins, eine Verabredung um halb sechs) ist unsere Existenz von Gedanken geführt. Für längerfristige Lebenseinstellungen und Werte gilt das erst recht. Vorstellungen und Ideen, mehr oder minder als solche bewusst, gedankliche Verknüpfungen oder Zukunftsvorstellungen leiten und begleiten fast alles, was wir tun. Sie bestimmen unser inneres Leben ebenso wie unser nach außen tretendes Verhalten.

In spirituellen Zusammenhängen wird das Denken nicht selten grundsätzlich kritisch gesehen – kann sich seine alles strukturierende Kraft doch allzuleicht auch in seinen Schattenseiten von Schematismus, Festhalten an Konzepten oder Erstarrung verlieren. Andere innere Qualitäten wie das Fühlen, das Erleben oder auch nur das bloße Wahrnehmen werden dagegen eher mit wünschenswerten Zielen wie Verbundenheit, Lebendigkeit und Ganzheit in Beziehung gebracht als das Denken. Ganz unzweifelhaft wissen wir alle, wie sich das Denken dazu einsetzen lässt, bestehende Positionen und Meinungen zu vertreten oder durch kalte Analyse die Phantasie oder spontane Kreativität zu verdrängen. Denken scheint, mit einem Wort, eher den Modus des Getrennt-Seins zu unterstützen. Es steht außerdem im Verdacht, das Instrument für eine lediglich subjektive, innere Vorstellungswelt zu sein, die uns von der wahren Wirklichkeit abhält. Solche Positionen werden heute auch von Seiten der Neurologie unterstützt, die von einer im Subjekt entworfenen Scheinwelt ausgeht und dieses Subjekt gleich mit zum Konstrukt („Ego-Tunnel“) erklärt. Alte fernöstliche und postmoderne Positionen treffen sich in der Neigung, im Denken lediglich ein subjektives Konzept zu sehen, dem keine Wirklichkeit zukommt und das man am besten ganz fallen lässt.

Was wir als instrumentelle und quasi-mechanische Rationalität kennen, bildet jedoch bei weitem nicht das ganze Spektrum dessen, was Denken ausmacht. So wird in der Philosophie und Anthropologie die Fähigkeit zu Denken vielfach als Charakteristikum gesehen, das den Menschen zum Menschen macht und ihn vom Tier unterscheidet. Auch in vielen spirituellen Traditionen war immer schon und ist immer noch ein Bewusstsein dafür vorhanden, dass das Denken auf dem Weg zu unserem wahren Menschsein nicht ausgeklammert werden darf, dass ihm vielmehr sogar eine Schlüsselposition auf diesem Weg zukommt. Das Bemühen, nicht von Gedanken getrieben zu werden, sich Rechenschaft zu geben, warum ich bestimmten Gedanken folge, der Anspruch, soweit als möglich selbst zu überschauen, was Inhalt unseres Bewusstseins wird und warum, kennzeichnet jede um Achtsamkeit bemühte Lebensweise. „Achte auf Deine Gedanken, denn aus ihnen werden Gewohnheiten“, weiß das Judentum; Im Buddhismus bildet der Wille zur Selbst-Distanzierung gegenüber dem uns antreibenden Gedankenstrom und die Aufforderung zum „rechten Vorstellen“ einen festen Baustein des achtfachen Pfads. In der Anthroposophie Steiners spielt das Denken sogar für das meditative Leben eine zentrale Rolle – doch davon später.

Denken, Vernunft und Universalität

Wenn Aristoteles den Menschen als „animal rationale“ bezeichnete, dann verbinden wir auch heute noch damit die Fähigkeit, uns nicht nur von kurzfristigen Antrieben bestimmen zulassen, sondern uns nach Maßgabe der Vernunft zu verhalten. Damit meinen wir immer auch das Vermögen, zu uns selbst und zu jeweiligen Situationen einen Abstand einnehmen zu können. Durch vernünftiges Denken haben wir die Möglichkeit, eine Frage oder ein Problem nicht allein nach unserem subjektiven Dafürhalten und spontanen Eindruck zu beurteilen, sondern in einer Weise, die auch andere, umfassendere Perspektiven berücksichtigen kann.

In der Epoche der Aufklärung war es die Entdeckung der Rolle des vernunftgeleiteten Denkens, das durch seine Universalität als zentraler und verbindender Bezugspunkt für die Gestaltung aller Lebensbereiche freigelegt werden konnte: was unter Menschen als wahr und richtig gelten kann und soll – ob intellektuell, moralisch oder gesellschaftlich – ist seither nicht länger eine Frage von äußerer Macht oder gesellschaftlich vorgegebenen Normen; damit etwas Gültigkeit beanspruchen kann genügt es nicht, dass es “immer so” gemacht wurde oder dass die Mächtigen dieser Welt dies so festlegen, nein: alles, was Geltung beansprucht, muss sich an für alle Menschen geltenden und nachvollziehbaren Gründen messen. Dass es solche allgemein gültigen, für jeden Menschen nachvollziehbare und einsichtige Gründe gibt, die sich aus dem vernunftgeleiteten Denken ergeben, wurde zum Ethos eines ganzen Zeitalters.

Denken und Über-Subjektivität

Wegen seines universellen Charakters trägt das Denken das Potenzial in sich, von den Begrenzungen der eigenen Befindlichkeit loskommen zu können. Von einem Gedanken, einer Idee erfüllt zu sein bedeutet, einen allgemein gültigen, über meine jeweilige subjektive Befindlichkeit hinausreichenden Inhalt einzusehen. In einer verfahrenen Situation, wo ich nur noch auf meine Grenzen zurückgeworfen scheine, kann ein einziger “rettender Gedanke” Befreiung bringen. Einsehen heißt in diesem Sinne gerade das: Mich verbinden können, ja für Momente sogar eins werden mit einem anderen, einem Verstehen, einem Sinn, der mir ohne diesen Gedanken – als bloßes Subjekt – fehlen würde.

Denken ermöglicht es, die Perspektive zu wechseln, hinein in das Andere oder auch in den oder die Andere. Der anthroposophisch orientierte Philosoph Witzenmann hat das Phänomen beschrieben, dass wir in Momenten hoher Selbstlosigkeit in der Lage sind, uns für Augenblicke selbst zu vergessen und vollständig die Gedanken eines anderen mitzuvollziehen und dabei auch die Eigenart des oder der Denkenden mitzuerleben. Für diese außergewöhnliche Erfahrung auf Grundlage des Denken prägte er den Begriff des “Wesenstausches”. Sicher gelingt das nicht immer restlos und begleitet uns auch im Denken noch die Grundierung unserer jeweiligen Subjektivität. Das ist auch gut so: Denn wir geben dadurch allgemeinen Ideen und Begriffen einen neuen Geschmack, eine je eigene Weise, wir reichern sie durch Erfahrung an und erweitern damit auch ihre Fülle. Jede(r) von uns hat eine etwas unterschiedliche Vorstellung, wenn wir Begriffe wie “Sommer”, “Verbindlichkeit” oder “Zuneigung” denken; wir merken das spätestens dann, wenn wir uns über unsere Vorstellungen austauschen. Die Tatsache aber, dass wir uns überhaupt über das Verschiedene verständigen können und wissen, dass wir „dasselbe“ meinen, zeigt gleichzeitig, dass wir uns dabei auf einen gemeinsamen Bezugspunkt – den für alle gleichen Begriff – beziehen, der selbst gar nicht auf eine einzelne Vorstellung festlegbar ist.

Das Nachdenken über die Frage, wie das Denken diese Verbindung “unter uns schafft”, führt zu einem zentral wichtigen Qualitätsmerkmal des Denkens: Seine Universalität, seine Allgemeingültigkeit ist nicht von anderem ableitbar, sondern beruht in sich selbst. Wohin wir auch sonst schauen: Die Natur, die menschlichen Beziehungen, das menschliche Innere – immer begegnen wir Phänomenen, die durch sich selbst nicht verständlich sind, sondern nach Erklärung rufen – eben durch das Denken. Beim Denken selbst aber brauchen und können wir nicht auf anderes zurückgreifen als auf das Denken. Auch der oft unternommene Versuch, das Denken durch anderes zu erklären: durch biologisch-evolutionäre Vorgänge, durch sozialkulturelle oder neurologische Prozesse – immer wird bei solchen Erklärungen schon Denken (man denke nur an so grundlegende begriffliche Verknüpfungen wie das Verhältnis von Ursache und Wirkung) vorausgesetzt, wenden wir die – immer schon vorgängigen – Grundverbindungen des Denkens, des Begründens und logischen Verknüpfens an, die schon in den allerersten Fragen auftaucht, die wir stellen: Warum? Woher? Wie? Das Denken „“umgibt“ uns immer schon, es bildet eine Sphäre, die umfassender ist als die Summer der Subjektivitäten.

Die Neigung, das Denken unserer Subjektivität zuzuschreiben, entspricht der unleugbaren Tatsache, dass wir es immer selbst sind, die denken. Denken ist immer unsere Tätigkeit. Die Einsicht, dass dies nicht bedeutet, dass die Inhalte des Denkens selbst subjektiv bzw. rein konzeptuell wären, widerspricht dem aber nicht. Es ist einfach nicht möglich, die Selbstbegründung des Denkens zu hintergehen. Das bedeutet freilich nicht, dass wir dieser Selbstbestimmung des Denkens gegenüber nicht frei wären – wir können Zusammenhänge auch übersehen oder ignorieren, sie da ziehen, wo sie sich später nicht als passend erweisen – wir können irren. Aber auch den Irrtum durchschauen wir wiederum von der über-subjektiven Perspektive des Denkens her.

Am deutlichsten zeigt sich die hier gemeinte Selbst-Bestimmtheit der Denkzusammenhänge in der Logik. Logische Verknüpfungen erfahren wir als einen in sich selbst bestehenden und durch nichts anderes begründbaren Zusammenhang. Dieser Charakter des Selbst-Zusammenhangs und der Selbst-Erklärung der Begriffe durch einander bestimmt aber jede Form des Denkens und des denkenden Fragens und Forschens.

Lebendiges Denken”

Das Phänomen, dass sich alle Begriffe durch einander erklären und so einen in sich verflochtenen, alles umfassenden Zusammenhang bilden, lässt uns das Denken auch als ein quasi-organisches Phänomen verstehen: Denn bei einem Organismus handelt es sich um ein System, bei dem alle Teile desselben durch einander bestehen, sich gegenseitig tragen und bedingen. Was könnte somit “lebendiges Denken” bedeuten?

• Lebendiges Denken meint zunächst ein Denken, dass die naive Nicht-Beachtung des Denkens bei allen Vollzügen unseres Bewusstsein überwindet und sich der All-Gegenwärtigkeit des Denkens überhaupt bewusst wird.

• Lebendiges Denken meint weiterhin, sich der Subjekt-übergreifenden Qualität des Denkens beim Denken bewusst zu sein: nicht ich denke die Gedanken, sondern ich bewege mich denkend in einem in sich selbst begründeten (organischen) Netz des Denkens; nicht wir haben das Denken, das Denken hat uns.

• Lebendiges, sich des organischen Charakters von Denken bewusstes Denken ist eben dadurch auch eine fundamentale Erfahrung von Nicht-Getrenntheit, sowohl gegenüber den Dingen als auch im Blick auf ein von uns allen geteiltes, denkend gefülltes Bewusstsein.

Spirituelle Erfahrung

Viele Aussagen im Verlauf der bisherigen Betrachtungen zeigen bereits, dass bei der Auseinandersetzung mit dem Denken etwas möglich ist, was sonst nicht funktioniert: dasjenige, was wir befragen und dasjenige, womit wir es befragen, sind ein und dasselbe. Beim Denken des Denkens kann es, wenn die Gefahr eines bloßen Spekulierens und rationalen Ableitens vermieden wird, zu einer Überwindung der sonst immer bestehenden Trennung von Subjekt und Objekt kommen: Im Denken des Denkens werden Subjekt und Objekt eines.

Was so zunächst als Beobachtungs-Tatsache festgestellt werden kann, lässt sich aber auch als innere Erfahrung – geradezu meditativ – ausdehnen. Eine Form um zu charakterisieren, was spirituelle Erfahrung bedeutet, liegt bekanntlich in der Möglichkeit, dass sich Bewusstsein als Bewusstsein selbst erfasst. Die Fähigkeit, Bewusstsein abgesehen von bestimmten Inhalten, ja unter Ausschluss von Inhalten, als solches zu erfahren, ist eine Schlüsselerfahrung aller Spiritualität. Der dann eintretende Zustand wird auch jener der Leere genannt, weil nichts als (reines) Bewusstsein wahrgenommen wird. Dieser Zustand wird normalerweise gerade unter Ausschaltung jeden Denkens möglich. Es ist aber auch der genau umgekehrte Ansatz möglich und die Befangenheit des Verstandes-Denkens sozusagen von innen heraus zu durchbrechen: Nämlich so intensiv in den Vollzug des Denkens hineinzugehen, dass die Aufmerksamkeit nicht mehr auf den jeweiligen Inhalt fixiert ist, sondern zur Erfahrung des Sich-Selbst-Tragenden, der inhaltsleeren, reinen Bewusstheit durchstößt, die im tätigen (Mit-)Vollziehen des Denkens entsteht.

Anknüpfend an grundlegende Überlegungen der idealistischen Philosophie z.B. Hegels hat Steiner genau diesen Weg beschrieben und regelrechte Meditationshinweise zu gegeben, “Denk-Formeln”, bei denen es nicht auf den Inhalt ankommt, sondern auf den Vollzug, der “ins Leere” führt – oder auch in die “lebendige Fülle” des sich-selbst-tragenden Denkens, ganz wie man will. In seinem Buch Die“Philosophie der Freiheit” finden sich manche Passagen, die in diesem Sinne auf eine Allheits-Erfahrung im Denken und hinter dem Denken hinauslaufen. In einem späteren Werk von ihm findet sich die Formel: „“Ich empfinde mich denkend eins mit dem Strom des Weltgeschehens”.“ Vertieft man sich in diese Formel, kann das Ruhen in diesem Inhalt mit dem schöpferischen Hervorbringen seiner Realität eins werden.

Von Ken Wilber kennen wir Beschreibungen eines Bewusstseinszustandes, in welchem wir nicht aus der Perspektive unseres Ich-zentrierten auf außer uns befindliche Objekte blicken, sondern wo wir uns in einem umfassenden Aufmerksamkeits-Raum befinden, in dem wir uns sämtlicher uns umgebender Phänomene – der Raum, Gegenstände, Dinge – aber auch sogenannter innerer Phänomene – Gefühle, Empfindungen, Gedanken – einfach nur gewahr sind. Wir wissen zwar, dass der Kontakt zu unserem Subjekt-Sein auch bei dieser Form gewahrenden Bewusstseins nicht abreißt – es ist aber nicht unser gewohntes, selbst-zentriertes Subjekt, das diese Erfahrung macht. Vielmehr tauchen, und hier liegt das Überraschende, auch wir als Subjekt, das wir gewohntermaßen sind, in der Reihe der Phänomene innerhalb dieses gewahrenden Bewusstseins auf. Wilber spricht hier vom ““Zeugen“ und vom „Zeugenbewusstsein“, das allerdings keineswegs mit dem reflektierenden, ich-bezogenen Zustand identisch ist, bei dem wir als Subjekt Objekten gegenüberstehen.

Wo liegt nun der Zusammenhang mit dem Denken? Auch das Denken kann durch die Wendung auf sich selbst Ausgangspunkt eines solchen Zeugen-Bewusstseins werden. Steiner spricht in seinen erkenntnistheoretisch-spirituellen Werken allerdings nicht von einem „“Zeugen“, sondern von einem universellen oder ““All-Ich“. Es wird dann bewusst, wenn wir im Denken die Getragenheit von einem umfassenden Weltzusammenhang bemerken, der alle Individuen übergreift und dessen Glied die Individuen sind. In diesem Bewusstseinszustand bemerken wir auch, dass der duale Zustand der Trennung von Subjekt und Objekt im Erfahren des Denkens aufgehoben ist: Wir denken nicht, weil wir Subjekte sind, sondern wir bezeichnen uns als Subjekte, weil wir zu denken vermögen, sagt Steiner in der “Philosophie der Freiheit. Es ist dann nicht mehr entscheidend, dass es das Subjekt ist, das denkt, sondern dass ich mich durch das Denken erst als Teil der Subjekt-Objekt-Konstellation erkenne. Diese Tatsache kann nur aus einer dem gewöhnlichen Subjekt übergeordneten Perspektive gemacht werden – der Perspektive des „Zeugen“, hier verstanden nicht als Subjekt-Ich, sondern als „All-Ich“. Denken im Sinne dieses Zeugen-Bewusstseins kann so bereits selbst Ausdruck spiritueller Erfahrung werden: „„Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der Mensch in seinem Denken”“, sagt Steiner. ““Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott.“

Denken und Sein

Ein weiterer wichtiger Komplex, der sich hier anschließt, ist das Verhältnis von Denken und Wirklichkeit. Die meisten modernen erkenntnistheoretischen Ansätze wie auch postmoderne spirituelle Konzepte laufen eher darauf hinaus, dass im Denken lediglich ein subjektives Abbild, ein “Konzept” der Welt, vorliegt. Diese Zuschreibung des Denkens als nur „subjektiv“ oder auch als konstitutionelle Befangenheit des Menschen ist zwar durch die obigen Ausführungen nicht haltbar. Von der Selbstvergewisserung über die sich selbst tragende, übersubjektive Natur des Denkens muss aber ein weiterer wichtiger Schritt zu der Frage gehen, ob und inwiefern wir mit dem Denken die Wirklichkeit, das Sein der Dinge erreichen. Die dazu erforderlichen, weiter ausgreifenden erkenntnistheoretischen Erörterung können im Rahmen dieser Skizze nicht verfolgt werden. Hier muss der Hinweis genügen, dass Denker wie Steiner oder Heidegger – von Hegel gar nicht zu reden – in ihren Werken zu dem Ergebnis kamen, dass entgegen verbreiteter Ansichten durch denkendes Erkennen sehr wohl ein Zugang zum Sein möglich ist. So sieht Steiner das Denken, mit dessen Hilfe wir die Welt erkennen, als Innen-Offenbarung der Dinge im Bewusstsein des Menschen. Als Begriff erscheint im Menschen, was wirkende Idee im Sein ist: ““Im Innern leuchtet ein Licht, das seine Leuchtkraft nicht nur auf dieses Innere beschränkt. Es ist eine Sonne, die zugleich alle Wirklichkeit beleuchtet… unser eigenes beschränktes Individuum stellt sich geistig in den großen Weltzusammenhang hinein, weil in ihm etwas auflebt, was übergreifend ist über dieses Individuum, was alles mitumfasst, dessen Glied dieses Individuum ist.”“ (Steiner, Die Mystik …)

Denken und Geist in der deutschsprachigen Philosophie

Ein letzter, hier nur angedeuteter Aspekt: Es ist auffällig, dass gerade in der deutschsprachigen Philosophie die besondere Nähe von (über-subjektivem) Denken und Spiritualität so sehr betont worden ist. Hier liegt eine Chance, bestehende Keime eines spezifischen Kulturraums für eine heute entstehende Welt-Spiritualität einzubringen.

Anna-Katharina Dehmelt: Denken schafft Kultur

Die inzwischen 7. spirituelle Herbstakademie in Frankfurt wird sich im Oktober einem Thema widmen, das Anthroposophen schon immer ganz besonders beschäftigte: das „lebendige Denken“. Was ist mit diesem Übergangs-Feld zwischen Rationalität und höherer Erfahrung gemeint? Wie gehen Anthroposophen damit um? Unsere Autorin, die als Referentin auf der Herbstakademie mitwirken wird, gibt eine persönliche Antwort.

Von Anna-Katharina Dehmelt

Auf der diesjährigen Herbstakademie zum Thema Denken und Spiritualität zu sprechen und im Vorfeld darüber zu schreiben, ist eine Herausforderung für mich. Ich bin schon einige Male gescheitert. Es gibt zu vieles, wo ich mir nicht sicher bin, wo ich nicht auf die Rückstände früherer Denkprozesse zurückgreifen kann, sondern nur auf meine offenen Fragen. Die letztlich immer wieder auf die eine Frage zulaufen: Was ist denn überhaupt Denken?

Die meisten Anthroposophen würden sich der Frage wohl über die Philosophie-Geschichte nähern. Da fühle ich mich nicht wirklich kompetent, und deshalb nehme ich zum Ausgangspunkt die Konstellation der Herbstakademie: die drei beteiligten Strömungen – also die von Andrew Cohen geführte Bewegung EnlightenNext, Ken Wilbers integrale Bewegung, und Steiners Anthroposophie. Wie denken diese Strömungen? Und wo darin stehe eigentlich ich selbst?

Ich erinnere mich an Gesprächsgruppen und Telefonrunden, die EnlightenNext in Deutschland anbietet und an denen ich immer wieder teilnehme. Denken spielt da eine große Rolle. Denkend versuchen wir in diesen Gesprächen, eine spirituelle Erfahrung zum Ausdruck zu bringen. Ob es um Nondualität, also um Nicht-Getrenntheit und Einheit geht oder um den evolutionären Impuls: Kann ich meine Erfahrung davon so beschreiben, dass sie in meiner Beschreibung authentisch zum Ausdruck kommt? Das Setting ist zumeist so, dass die Teilnehmer eine zumindest anfängliche Erfahrung haben von dem, worum es geht. Das Denken dient dabei nicht dazu, jemanden argumentativ zu überzeugen und auch nicht dazu, eine sinnvolle Theorie aufzustellen, sondern es dient der Bewusstmachung und dem Austausch eigener spiritueller Erfahrungen. Das ist nicht irrational – wir verstehen uns ja gegenseitig. Aber so ganz normal rational ist es auch nicht. Es ist so etwas wie ein anderer Aggregatzustand des Denkens.

Denkende Verständigung und Integration

Dann sind da die Integralen, die sich an Ken Wilber orientieren. Sie denken multiperspektivisch und eben integral. Ihr Denken ermöglicht Verständigung zwischen verschiedenen Ansätzen, denn die Implikationen und Wertsetzungen des jeweiligen Ansatzes werden aufgedeckt. Ob ich den Menschen materialistisch anschaue oder spiritualistisch, beides ist berechtigt, weil es einfach verschiedene Perspektiven sind. Die Integralen setzen die Aufklärung fort, sie systematisieren und ordnen und vergleichen, sie geben das Denken einfach nicht auf. Es geht ihnen, vielleicht im Unterschied zur Aufklärung, weniger um das Herausfinden einer absoluten Wahrheit als um die Integration vieler Wahrheiten, und so führen sie das Denken unbeirrt durch die Postmoderne hindurch in eine spirituellere Zukunft.

Wenn ich bei EnlightenNext mitdenke, so ist das, worüber wir sprechen, anwesend. Das Denken ist nicht abstrakt, denn es ist eben zuallererst Ausdrucksmittel für eine Erfahrung, die außerhalb des Denkens gemacht wird, die das Denken aber einzufangen in der Lage ist. Ich bin immer wieder berührt von der existentiellen Dichte, die solche Gespräche haben, von der Tiefe, die dieses Denken erschließt; der Reiz der Gespräche liegt im Bewusstmachen der Erfahrung, nicht in der gedanklichen Brillanz und Reichweite, mit der diese Erfahrungen beschrieben oder eingeordnet werden.

Wenn ich Ken Wilber lese oder den Diskursen seiner Schüler folge, dann bin ich fasziniert von der Stringenz, von der inneren Logik und von der großen Reichweite, die dieses Denken abdeckt. Es gibt mir Sicherheit, so wie mir eine Landkarte eben Sicherheit gibt im unwegsamen Gelände. Ich habe Freude daran, so wie ich am Beweis der Winkelsumme im Dreieck Freude habe oder am Durchdenken des Kopernikanischen Weltsystems, das mir schließlich auch erhellt, warum zum Beispiel die Sonne sich auf der Südhalbkugel andersherum um die Erde dreht. Aber Fragen, die über das Systematisieren und Ordnen hinausgehen, die werde ich mit diesem Denken nicht beantworten können. Wie vollzogen sich in der Evolution die Sprünge vom Mineralischen zum Lebendigen, vom Lebendigen zum Beseelten, vom Beseelten zum Selbstbewussten? Wie ist der Zusammenhang zwischen Seele und Körper? Was ist der Sinn der Evolution? Es gibt Konzepte und Modelle, aber keine Anschauungen und Erfahrungen, die auch auf diesen Gebieten zu einer erlebten Evidenz führen können.

Abstraktes Denken zwischen Freiheit und Beliebigkeit

In den letzten Jahrhunderten, seit der Aufklärung mit ihrem Wahlspruch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ ist das Denken immer abstrakter geworden. Die auf Wahrheit und innere Stimmigkeit gerichtete Erkenntnis- und Erfindungslust der Aufklärung ist einem pragmatischen und technisch orientierten Denken gewichen. Wir können ohne Begeisterung denken, ohne innerlich mit dem, worüber wir denken, verbunden zu sein. Vielleicht ist dies am deutlichsten bei der Technik zu sehen. Wer würde Atomkraftwerke oder Computer erfinden, wenn sich die Prozesse, die in diesen Technologien herrschen,  auch im Denkenden abspielen würden? Auch das moralische Empfinden wird vom Denken nicht berührt. Ein Gedanke mag noch so klar sein, aber er trägt keine moralische Anweisung mit sich. Diese Abstraktheit des Denkens bildet die Grundlage unserer Freiheit. Die Welt, auf die sich unser abstraktes Denken richtet, ist außerhalb von uns, unabhängig von uns, statisch, materiell – so jedenfalls wird die Welt weithin immer noch gedacht, auch wenn manche Wissenschaften längst etwas anderes erzählen. Abstraktes Denken, eine statische, äußere, „tote“ Welt und unsere Freiheit gehören zusammen.

Aber in den letzten Jahrzehnten, in der Postmoderne, beginnt dieses abstrakte Denken über die Stränge zu schlagen. Denken wir eigentlich noch selbst, folgen wir ihm noch, diesem Wahlspruch der Aufklärung? Lassen wir nicht längst andere für uns denken, nun nicht mehr die Kirche, die uns sagt, was gut und böse ist, oder die Vorfahren, die Beruf und Ehepartner bestimmten, sondern „die Wissenschaft“ oder „den Computer“ – und manchmal vielleicht auch Rudolf Steiner, Andrew Cohen oder Ken Wilber? Wie oft haben wir noch den Wunsch, etwas wirklich zu verstehen? Geben wir uns nicht sehr schnell mit isoliertem Faktenwissen zufrieden, kapseln uns, so vernetzt wir auch immer sein mögen, ein in Meinungen und Vorurteile, in die Rückstände der Denkleistungen anderer?

Das abstrakte Denken schlägt auch über die Stränge, indem es sich des Lebendigen bemächtigt. Gentechnik am Menschen und in der Landwirtschaft – obwohl das abstrakte Denken doch eigentlich nur das Tote am Lebendigen erfasst, nur die Stoffe und die mechanischen Prozesse, nicht aber die Rhythmen, Synchronien, Formwandlungen und Entwicklungen des Lebendigen. Abstraktes Denken isoliert, zerfällt, trennt, vereinzelt – das, worüber es nachdenkt ebenso wie den Denkenden. Dieser Zusammenhang ist frappierend. In der Art des Denkens spiegelt sich die geistige Situation der Menschheit: je abstrakter, je wirklichkeitsferner das Denken wird, desto abstrakter und wirklichkeitsferner werden die Denkenden.

Leben ist Spannung zwischen Polaritäten

Das Abstrakte und Vereinzelnde am Denken ist dann aber doch nur die eine Seite. Die unbelebte Materie hat von sich aus immer die Tendenz, in ihre Einzelteile zu zerfallen. Im Lebendigen aber steht eins mit dem anderen und mit allem im Zusammenhang. Und solch ein lebendiger Zusammenhang ist nicht linear, nicht logisch-eindeutig geordnet und differenziert, sondern – eben lebendig. Im Lebendigen gibt es Wachstum und Zerfall, Frühling und Herbst, Kontinuität und Wandel, Zufall und Gesetz – und all das trägt sich gegenseitig, sinnig, kraftvoll, Schönheit stiftend.

Und so muss auch das Denken lebendig werden, wenn es seine Tendenz zum Zerfall überwinden will. Es muss selbst lebendig werden, die Spannung zwischen den Polaritäten halten, im Prozess bleiben können. Im Lebendigen kann ich mich nicht mehr in die Rückstände des Denkens einmauern und mein Sondersein pflegen. Im Lebendigen muss ich mitmachen.

Steiner war der Überzeugung, dass die Welt aus Gedanken aufgebaut ist. Dass das eigentliche Wesen des Denkens noch viel mehr ist: nicht nur lebendig, sondern auch beseelt und schöpferisch, ja, ganz real schöpferisch. Das, was in mir als Gedanke auftritt, das ist der letzte Rest, der Schatten, die Fußspur einer Realität, die die Welt in all ihrer Vielgestaltigkeit geschaffen hat. Am Anfang war der Gedanke. Und der Gedanke war Gott, und der Mensch war in dem Gedanken. Und nach und nach schuf der Gedanke die Welt in all ihrer Differenziertheit und in ihr einen Menschen, der diese Welt denken kann. Was wir als Denken in uns haben, das ist gleicher Art mit dem, was die Welt geschaffen hat und sinnvoll konstituiert. Selbstverständlich ist dieses schöpferische Denken des Anfangs ganz anderer Art als unser strohernes Alltagsdenken. Letzteres verhält sich eben zu Ersterem wie eine Fußspur zu dem, der sie hinterlässt.

Magisches und mythisches Denken, die waren noch näher an diesem Urzustand des schöpferischen Denkens. Aber das steht uns heute nicht mehr zu Gebote. Steiner war sich über die Gefahren der Prä-Trans-Verwechslung mehr als klar. Denn er schätzte die Freiheit, die das abstrakte Denken mit sich gebracht hatte. Nur von dort aus kann das lebendige Denken gefunden werden. Es muss in dem toten Denken etwas geben wie einen Keim, einen Samen, dem man das Lebendige nicht ansieht, der aber aufgeht und sich entwickelt, wenn er die richtigen Entwicklungsbedingungen findet.

Aktivierung des Denkens, so beschrieb Steiner diese Entwicklungsbedingungen, und er nannte das auch Meditation.[1] Raus aus den Rückständen, raus aus dem isolierten Wissen. Wirklich denken, selber denken, Zusammenhänge denken. Der eine kann das besser an der Mathematik: Er wird die Winkelsumme im Dreieck solange beweisen, bis das Durchdenken des Zusammenhanges die blitzartige Einsicht freigibt. Der andere am Lebendigen: Er wird den Gestaltwandel der Blattfolge einer Wiesenpflanze immer und immer wieder nachvollziehen. – Der Dritte schließlich, indem er Steiners Werke studiert (aber nicht wieder nur totes Wissen aufnehmend oder gar Mythen darin sehend, sondern aktiv mitdenkend den Gedanken suchend, der bei Steiner immer da ist) – und der Vierte, indem er beim Meditieren seine Aufmerksamkeit als solche verstärkt. Hauptsache, wir entdecken die Kraft, die im Denken lebt und bringen diese Kraft selber auf. Stürzen nicht ab in die Vereinzelung, in die bequeme Sicherheit des Toten. Bleiben denkend wach, weil wir gelernt haben, uns im Denken zu halten, auch da, wo uns das Denken keine Sicherheit bietet, sondern ein lebendiger Prozess einfach immer weiter geht.

Und dann wird das Denken lebendig, bildsam, es umwächst sein Thema und nimmt es auf und bringt es zum Ausdruck.

Das abstrakte Denken hat unsere ganze neuzeitliche Kultur gebildet. Das lebendige Denken wird eine neue Kultur bilden, die so verschieden sein wird von der heutigen wie die Aufklärung vom Mittelalter. Es wird einen anderen Wissenschaftsbegriff geben, und Moral und Denken werden nicht mehr so weit voneinander entfernt sein, ebenso wenig wie der Denkende von dem, worüber er denkt. Wir werden uns nicht mehr raushalten können. Die Welt wird sich total verändern. Sie wird eben keine tote mehr sein, die wir mit unserem Denken systematisieren, sondern eine lebendige, an der wir als Lebendige beteiligt sind. Aber wir können uns das nicht ausdenken, wir können nicht wissen, wie das werden wird oder schon anfängt zu werden, aus Prinzip nicht, der Freiheit wegen. Wir können nur darauf zugehen, lebendig entwickelnd, zum Ausdruck bringend, wachsend. Und dabei entsteht sie, ja vielleicht ist sie das schon, diese neue Kultur, und wir staunen.

Denken und Fragen

Habe ich jetzt gedacht? Ich finde schön, wie Wilbers integral Bewegte und EnlightenNext und die Anthroposophie diese neue Welt und diese neue Kultur von verschiedenen Seiten ansteuern. So wird die Freiheit gewahrt, ein kultureller Übergang geschaffen, das Lebendige übend ausgebildet und die Aufgabe des Ganzen im Blick behalten und immer wieder zum Ausdruck gebracht. Liegt so vielleicht etwas vom integralen Denken in diesen Überlegungen? Habe ich das, worum es geht, zum Ausdruck gebracht, war es anwesend, wenigstens für jene verständlich, die die gleichen Erfahrungen mit dem Denken gemacht haben? Und sind diese Seiten etwas Lebendiges geworden, ein Organismus, der wächst und wieder vergeht, der differenziert ist und doch ein innerer Zusammenhang?

Denken beginnt mit Fragen. Und man weiß vorher nicht, wo man landet. Endet es auch mit Fragen? Vielleicht gehört das zum Lebendigen dazu.

 

Anna-Katharina Dehmelt ist Gründerin des Instituts für anthroposophische Meditation.


1. „Er muss sein Denken aktivieren. Ich habe nach einem alten Gebrauch dieses Aktivieren des Denkens ‚Meditation‘ genannt.“ Paris, 26.5.1924, in: Was wollte das Goetheanum und was soll die Anthroposophie? (GA 84)

Denkend leben - Ein Gespräch mit Tom Steininger

Der Gegensatz zwischen dem Denken und anderen Zugängen zur Welt wie Intuition und spiritueller Erfahrung wird in unserer Kulturgeschichte schon lange heftig diskutiert. So wandte sich die Romantik vehement gegen den Rationalismus Immanuel Kants, denn Kant hatte in seiner Philosophie eine harte Grenze zwischen Wissen und Glauben und auch zwischen Denken und Erfahrung gezogen. Dagegen brachten die Romantiker die „poetische Erkenntnis“ ins Spiel. Ihre denkkritische Haltung findet auch heute in der Postmoderne große Zustimmung. Vielleicht überwindet die integrale und evolutionäre Philosophie heute diese starre Frontstellung zwischen Romantik und Aufklärung. Im Gespräch mit dem Philosophen Dr. Tom Steininger gehen wir der Frage nach, wie sich die Dialektik von Verstand und Spiritualität heute weiterentwickelt und was das für unser Verständnis der Welt bedeutet.

 

Die europäische Aufklärung war ein wesentlicher Schritt zur geistigen Mündigkeit. Sie führte aber auch zu einer Entfremdung von den eher numinosen Sphären des menschlichen Seins. Diesen Gegensatz zwischen Denken und Mystik kann man aber auch anders, dialektischer und durchlässiger sehen.

Tom Steininger: Ich glaube wir sollten das Wort „Denken“ viel weiter als üblich verstehen. Wir Menschen begannen doch mit dem Denken seit den Anfängen unserer Geschichte. Diese ersten Formen des magischen und mythischen Denkens würden wir heute vielleicht nicht mehr so bezeichnen, doch damals haben wir damit angefangen, die Welt in unserem Bewusstsein zu spiegeln. Wir begannen der Welt „nachzusinnen“. In diesem Sinne war das eine Form des Denkens. Aber erst viel später entdeckten wir das Denken, so wie wir es heute verstehen. Die Geburt des ratioanalen Denkens kann man vielleicht mit der Geburt der Philosophie gleichsetzen. Damals, in den Anfangszeiten der griechischen Philosophie, hat sich unser Verhältnis zu Sprache und Denken radikal verändert. Im mythischen Denken war die Sprache ein Medium, in dem wir uns unsere großen Geschichten erzählt haben. Der Sinn des Lebens offenbarte sich in unseren Mythen. Die Philosophen entdeckten mit der Logik einen neuen Zugang zur Welt. Statt Geschichten zu erzählen, begannen sie direkt forschend zu fragen: „Wie ist die Welt beschaffen? Was liegt ihr zu Grunde?“ Und versuchten auf diese Fragen rationale Antworten zu finden. Dieses logische Denken der ersten Philosophen führte uns aus dem mythischen Denken heraus. Eigentlich war das der Beginn der Aufklärung. Aber dieses neue, rationale Denken führte auch dazu, dass diese Denkart zunehmend nur noch sich selbst wahr- und ernst nahm. Plato brachte das auf den Punkt. Für ihn waren das einzig Reale die Ideen. Alles andere waren aus seiner Sicht nur mehr Schatten. Bei Aristoteles waren es die Kategorien, die die Welt bestimmten. In einem gewissen Sinne schoben sich die logischen Kategorien, welche die metaphysische Philosophie damals entwickelte, zwischen uns und die Welt. Wir konstruierten uns eine hilfreiche Brille und gewöhnten uns daran, die Welt nur mehr durch diese Brille zu sehen.

Die meiste Zeit unserer Kulturgeschichte hatten wir mehr oder weniger vergessen, dass wir diese Brille tragen. Und es ist ein Verdienst der postmodernen Philosophie, unsere Aufmerksamkeit auf diese Brille zu richten. Das stellt uns vor die Frage: Wie können wir ein klares Denken entwickeln, in dem die gewohnten Kategorien unseres Denkens, unsere gewohnten Ideen so aufgebrochen werden, dass sie unseren Blick mehr öffnen als verstellen?

Das könnte natürlich auch eine retro-romantische Sehnsucht sein, so wie wir in der Postmoderne oft eine tiefe Ablehnung gegen das rationale Denken haben. Gibt es hier einen dritten Weg?

Tom Steininger: Die Postmoderne versteht man ja viel besser, wenn man sie als eine Form der Selbstkritik der Moderne versteht. Und insofern ist sie wichtig. Aber sie bietet noch keine neue Integration. Im Gegenteil, die philosophische Postmoderne verweigert sich der Integration. Sie will ja die Kritik weiter vertiefen. Dann gibt es die rückwärtsgewandte Postmoderne.

Die träumt davon, in alte Zeiten zurückzugehen. Manche wollen lieber mit den Schamanen trommeln als Denken. Nichts gegen Schamanen, auch nichts gegen schamanistische Erfahrungen, das alles kann unseren verengten Zugang zur Welt aufbrechen, aber es ersetzt nicht das aufgeklärte Denken.

Doch die Kritik der Postmoderne ist wichtig, denn ein Teil unserer westlichen Denkgeschichte seit Plato ist auch eine Verengungsgeschichte des Denkens. Unser vorherrschendes Denken ist zu einem rein instrumentellen Denken ohne Tiefe geworden. Die romantische Kritik hat hier Recht, und auch die postmoderne Kritik. Ken Wilber nennt die notwendige Aufgabe klar und einfach: Es geht um eine Integration von Wissenschaft und Spiritualität. Wahrscheinlich ist die spirituelle Erfahrung auch der Schlüssel, um die Verengung des Denkens zu durchbrechen. Wenn wir anfangen die spirituelle Erfahrung als Perspektive ernstzunehmen, macht das die Verengung unseres Denkens zumindest brüchig. Sie passt nicht in das instrumentelle Denken.

Und es gab in der Denkgeschichte ja immer wieder Gegenbewegungen, die versucht haben, die Enge des Denkens denkend zu überwinden. Der deutsche Idealismus und die Dialektik Hegels waren so ein Versuch, und es ist ein Krimi für sich, sich anzusehen, woran er gescheitert ist. Schelling ist vielleicht sogar ein noch wichtigerer Versuch, denn sein Anliegen war es, die Trennung zwischen Subjekthaftem und Naturhaftem zu überwinden. Er war da schon ein genialer Vordenker. Ich glaube, dass er so klar vordachte, wie unser Denken selbst nur ein weiterer Ast des Lebensprozesses ist, war schon ein wichtiger Schritt, das Ganze in seiner Lebendigkeit zu denken.

Es ist ja interessant, dass es immer mehr das evolutionäre Denken, das Prozessdenken wird, das hier neue Wege zeigt. Diese neuen Denkwege wurden teilweise auch von mystischen Denkern wie Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo oder Rudolf Steiner erarbeitet. In der akademischen Philosophie ist es Henri Bergsons Lebensphilosophie, die hier versucht, auf eine ganz neue Art Lebendigkeit zu denken. Bergsons Ansatz war hier, dass unser bisheriges Denken vor allem ein räumliches Denken war. Unser Denken bezieht sich auf Objekte in Räumen. Bergsons Einsicht war, dass sich vor allem unsere Zeiterfahrung grundlegend von diesem Raumdenken unterscheidet. Wenn wir unsere Zeiterfahrung direkt untersuchen, ist sie eben kein abstrakter Zeitraum, durch den sich Objekte bewegen, sondern ein ungebrochenes Kontinuum der Zeitlichkeit, das sich uns hier zeigt. Auch Alfred Whitehead spielt hier eine Rolle. Er versuchte auf eine ähnliche Weise wie Bergson darzulegen, dass die Welt nicht als eine Welt der Objekte gesehen werden kann, sondern als ein Prozess aus Prozessen.

Eine zentrale Rolle sehe ich auch in Martin Heidegger. Sein phänomenologischer Ansatz ist ja eine radikale Kritik unserer objektorientierten Denkgeschichte. Er versuchte, alle objekthaften Ideen vorerst hinter sich zu lassen, um unsere menschliche Grunderfahrung des „In-der-Welt-Seins“ ohne die ganzen Denkgerüste unserer traditionellen Philosophie phänomenologisch zu denken. Wie sehr ihm das gelungen ist, sei jetzt dahin gestellt, aber ich finde es spannend, dass er sich gezwungen sieht, auf diese Weise eine evident mystische Wirklichkeit zu denken. Er landet denkend an einem Punkt vor der Subjekt-Objekt-Trennung und macht auf diese Weise diese nichtgetrennte Offenheit der Weltwahrnehmung wieder dem Denken zugänglich.

Ken Wilber startet an der gleichen Frage von der anderen Seite. Er versucht ein analytisches Denkmodell, das AQAL-Modell zu entwickeln, indem er der Einheit von Mystik und Wissenschaft einen analytischen Rahmen gibt. Dadurch gelingt es ihm, unserem bisherigen Denken in seinen eigenen methodischen Grundlagen die Einheit von Mystik und Wissenschaft zu vermitteln. Das ist auch die Schwierigkeit seines Ansatzes. Er braucht die Kategorien der analytischen Wissenschaft, um ihr die Einheit von Wissenschaft und Mystik darzulegen. Diese Kategorien kommen aber selbst aus dem getrennten Denken. Und ihre Grundlage ist jene Trennung, die die mystische Erfahrung aufhebt. Hier wird also Denken zu einer offenen Baustelle. Unser Denkgerüst ist die metaphysische und später szientistische Tradition seit Plato. Sie selbst ist Teil unserer verengten Weltwahrnehmung. Sie ist aber auch Teil eines enormen Zuwachses an Wissen und Bewusstsein. Sie ist Teil der Aufklärung. Sie ist Teil der Lösung und Teil des Problems.

Ken Wilber beschreibt mit seinem integralen Modell ein Rahmenverständnis einer integralen Realität. Er beschreibt die vier Quadranten und die Interdependenzen, die zwischen ihnen, aber auch zwischen den Entwicklungslinien bestehen. Deine Frage ist, wie kann man das analytisch sehen, ohne in einem alten Denken hängen zu bleiben?

Tom Steininger: Ja, denn, überspitzt gesagt, vier Quadranten gibt es natürlich nicht. Wir leben in einer ungeteilten Welt. Die Quadranten sind einfach ein analytisches Modell, aber ein sehr nützliches. Die Phänomenologie der Welt ist nicht die Summe verschiedener Entwicklungslinien, sondern immer eine unmittelbare Offenheit. Dem kann ich mich analytisch annähern, aber wenn ich vergesse, welche Perspektive ich damit einnehme, verliere ich die eigentliche Grundlage aus den Augen. Dieser analytische Blick ist wichtig, aber wir müssen uns bewusst bleiben: Das ist der analytische Blick auf die Welt, und auch das ist nur eine Perspektive unter Perspektiven.

Die Herausforderung ist: Wie können wir diese analytische Perspektive wach halten und weiterentwickeln und zum Beispiel mit einer phänomenologischen Perspektive verbinden? Ehrlich gesagt, darauf habe ich keine wirkliche Antwort. Darin sehe ich eine der nächsten kreativen Herausforderungen eines integralen Denkens.

Ist hier nicht eine spirituelle Praxis eine essenzielle Ausgangsvoraussetzung, um diese Ganzheit überhaupt erfassen und verkörpern zu können?

Tom Steininger: Natürlich, es geht gar nicht anders. Wenn man nur den analytischen Intellekt trainiert, nimmt man nur analytisch wahr und kann nur analytisch reflektieren, weil man keine Wahrnehmung dessen hat, was man ausblendet. Deshalb braucht es eine Praxis der Nichtgetrenntheit, die eine Wahrnehmung dessen, was analytisch nicht sichtbar wird, ermöglicht. Wir sind als Menschen gefordert, uns dem denkend zu stellen, und das können wir nur, wenn wir wahrnehmen, dass da eine Offenheit und Unmittelbarkeit der Welt ist, der wir uns stellen müssen. Die weitgehende Verkürzung unseres Denkens, meist noch dazu auf ein rein instrumentelles Denken, ist gewissermaßen die Krisensymptomatik unserer Gesellschaft. Tiefenökologie beispielsweise hat dort ihre Wurzeln, wo wir gezwungen werden, das Ausgeblendete wahrzunehmen, weil es heftig ökologisch zurückschlägt. Wir brauchen eine Form von Spiritualität, von Nichtgetrenntheit, von Ganzheit, der wir uns nicht mehr regressiv-mythologisch stellen, sondern auf der Höhe unserer Zeit reflexiv-philosophisch, wissenschaftlich, denkend.

Die Mystik hat ja schon immer unsere getrennte Identität aufgebrochen. Eckhart war ja gewissermaßen ein Vorreiter einer Erfahrungs-Mystik, wie sie in der postmodernen Spiritualität sehr stark betont wird. Kann man einer mystischen Einsicht wirklich auch denkend nachgehen?

Tom Steininger: In unserer abendländischen Tradition haben wir unsere Identität als getrenntes Individuum entwickelt. Das ist die Schwäche und die Stärke unserer Tradition. Heidegger, der ja sehr von Meister Eckhart beeinflusst war, versuchte in seiner Existenzanalyse den Spies umzudrehen. Für ihn ist Mensch-Sein nicht dieses getrennte Subjekt-Sein, sondern das Da-Sein, das meiner Wahrnehmung als getrenntes Subjekt noch vorausgeht – Mensch-Sein ist die Seinsweise, die eine Offenheit gegenüber dem Ganzen hat oder, wie Heidegger formuliert – wir sind die einzige Seinsform, der es um das Sein selbst geht. Das führt uns zur spirituellen Selbstgewissheit, die ja eine Gewissheit des Nicht-getrennt-Seins ist. Und hier stellt sich die Frage, wie man das auch denkend nachvollziehen kann. Wie kann ich denkend nachvollziehen, dass ich einerseits ein individuelles Subjekt bin, aber andererseits mein individuelles Subjekt-Sein Teil eines größeren Subjekt-Selbstseins ist, nämlich eines sich selbst bewusst werdenden Bewusstseins.

Dieser Frage kann ich mich nicht traditionell-metaphysisch nähern, sondern nur phänomenologisch-denkend, weil ich nur so wahrnehmen kann, dass mein Wahrnehmen über mein Selbst, über meine Individualität hinausreicht. Hier finden sich Denken und Spiritualität denkenderweise. Nicht spekulierend, nicht mythologisierend, sondern denkenderweise.

Um diesem Erkennen gerecht zu werden, brauche ich eine erfahrende und denkende Bewegung. Und die dehnt sich unendlich aus, denn in jedem Gewahrwerden und denkenden Erschließen ergeben sich neue Horizonte, denen ich mich wieder stellen muss. Es gilt, eine permanente Spannung zu halten, was nur möglich ist, wenn ich die Ungewissheit dieses Prozesses halte. Das beinhaltet eine grundlegende spirituelle Haltung, die radikal mit Vertrauen und auch mit SELBSTvertrauen zu tun hat. Beides ist notwendig, um dieses permanente Nicht-Wissen auszuhalten, ohne in ein Nicht-Wissen-Wollen zu regredieren oder in Fixierungen zu verfallen. Dann wird das Denken selbst zu einem radikal lebendigen Prozess. Das erfordert ein permanentes Sich-Hingeben.

Eine so verstandene Hingabe ist ja eine radikale Form des Loslassens, aber ich brauche gleichzeitig das Denken, um mich überhaupt dazu zu entscheiden, mich auf diesen Prozess einzulassen …

Tom Steininger: Es braucht das Denken und den Willen. Und der Wille bezieht sich wieder auf meine Individualität, denn es braucht jemanden, der das aushalten will. Der spannende Punkt ist der, an dem Wille und Hingabe identisch werden und das permanent als Lebenshaltung gehalten wird. Es braucht die aufklärerische Leistung der Individuation, der Rationalität, und die spirituelle Leistung des Ertragens, des Mysteriums – wo beides als Nicht-Getrenntes gelebt wird, wird es existenziell.

Das Gespräch führte Dr. Nadja Rosmann. Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Integrale Perspektiven“, Ausgabe 07/2012.

Dr. Tom Steininger studierte Philosophie in Wien mit einem Schwerpunkt auf Ken Wilber und Martin Heidegger. Er ist Herausgeber des Magazins EnlightenNext Impulse, Leiter des EnlightenNext-Zentrums in Frankfurt und langjähriger Schüler von Andrew Cohen. Tom Steiniger hält heute international Vorträge und Seminare über evolutionäre Spiritualität und ist Moderator des wöchentlichen Webradios Radio EnlightenNext. www.enlightennext.de


Die Herbstakademie 2012 in Videos


Diashow der 2012er-Fotos von Mike Kauschke:

Beginn: Freitag, 19. Oktober, 15 Uhr

Ende: Sonntag, 21. Oktober, 14 Uhr (nach dem Mittagessen)

Referenten:

Nadja-Rosmann

Nadja Rosmann

Publizistin (Moderation)

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Katharina-Ceming

Katharina Ceming

Philosophin

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Anmeldung und Infos
Liss Gehlen
info@herbstakademie-frankfurt.de
Tel: 069-584645

Tagungsstätte
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Gotische Straße 15
61440 Oberursel/Taunus
Tel. 06172-3009-822
Fax 06172-3009-819

Tagungspreis
Der Tagungspreis beträgt regulär:
290,- Euro zzgl. 80,- Euro Verpflegung
Frühbucherrabatt bis 30.9.:
240,- Euro zzgl. 80,- Euro Verpflegung
Ermäßigung (nach Rücksprache):
190,- Euro zzgl. 80,- Euro Verpflegung

Die Anmeldung wird wirksam mit Überweisung der Tagungsgebühr zzgl. des Betrages für die Verpflegung auf folgendes Konto:
Konto-Inhaberin: IIF-Veranstaltungen
Konto: 6200 98 41 78
BLZ: 501 900 00
Frankfurter Volksbank
IBAN: DE83501900006200984178
BIC: FFVBDEFF

Veranstalter:

evolve, Dr. Thomas Steininger
Info3 – Anthroposophie im Dialog, Dr. Jens Heisterkamp
DIA – Die Integrale Akademie, Sonja Student